Frankfurter Hauptfriedhof: Reichenbach - Lessonitz (3)
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 Die Familie  -  Bilder/Fotos  -  Bericht von Gustav Funke 

Ehen und Kinder des Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel (1777-1847)

1. Auguste von Hohenzollern Prinzessin von Preußen. (01.05.1780-19.02.1841) Heirat: 13.02.1797
Kinder: 1798 Sohn Wilhelm Friedrich Karl Ludwig von Hessen-Kassel Prinz von Hessen.
(09.04.1798-25.10.1800)
1799 Tochter Karoline Friederike Wilhelmine von Hessen-Kassel Prinzessin von Hessen.
(29.07.1799-28.11.1854)
1801 Tochter Luise Friederike von Hessen-Kassel Prinzessin von Hessen.
(03.04.1801-28.09.1803)
1802 Sohn Friedrich Wilhelm von Hessen-Kassel Kurfürst von Hessen
(20.08.1802-06.06.1875)
1804 Tochter Marie Friederike Wilhelmine Christine von Hessen-Kassel Prinzessin von Hessen. (06.09.1804-04.01.1888)
verh. mit Wilhelm von Dungern (20.06.1809-03.07.1874)
1806 Sohn Friedrich Wilhelm Ferdinand von Hessen-Kassel Prinz von Hessen.
(09.10.1806-21.11.1806)
2. Emilie Ortlepp (13.05.1791-12.02.1843) Heirat: 08.07.1841
Kinder: 1813 Tochter Luise Wilhelmine Emilie von Reichenbach-Lessonitz
(28.02.1813-03.10.1883) Heirat mit Graf von Bose
1815 Sohn Julius Wilhelm Albrecht von Reichenbach-Lessonitz
(04.10.1815-15.01.1822)
1816 Tochter Amalie Wilhelmine Emilie von Reichenbach-Lessonitz
(21.12.1816-28.12.1858)
1818 Sohn Gustav Karl von Reichenbach-Lessonitz
(24.08.1818-26.09.1861)
1820 Tochter Emilie von Reichenbach-Lessonitz
(08.06.1820-30.01.1891)
1821 Tochter Friederike von Reichenbach-Lessonitz
(16.12.1821-23.02.1898)
1824 Sohn Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz
(29.06.1824-19.01.1866) Freitod
1825 Tochter Helene von Reichenbach-Lessonitz
(08.08.1825-14.03.1898)
3. Princess Caroline von Berlepsch (09.01.1820-21.02.1877) Heirat: 28.08.1843

Bilder

Klick vergrößert Emilie Ortlepp, Gräfin von Reichenbach-Lessonitz
(1791 1843)
Miniatur L. Grünbaum (um 1825)
Kassel, Städtische Galerie
(Bose-Sammlung)
Graf Wilhelm von
Reichenbach-Lessonitz
(1824-1866)
3. Sohn der
Emilie von Reichbach-Lessonitz

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Klick vergrößert Wilhelm II. Kurfürst von Hessen
(1777-1847)
Regent 1821-1831
Pastell von Wilhelm Nahl
Kassel, Städtische Galerie
(Bose-Sammlung)
Gräfin Amelie von
Reichenbach-Lessonitz
(1838-1912)
 
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Klick vergrößert Emilie von Reichbach-Lessonitz
(1791 1843)
Porträtbüste
von Johann Christian Ruhl
Auguste Kurfürstin von Hessen
(um 1835)
Lithographie von J. Woelfyle
nach einer Zeichnung von S. Diez
Kassel, Murhard'sche Bibliothek
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Klick vergrößert Gräfin
Emilie von Reichbach-Lessonitz
(1791 1843)
Miniatur aus dem Bose-Museum
Auguste Prinzessin von Preußen
(1780-1841)
1. Ehefrau des
Wilhelm II. Kurfürst von Hessen
(1777-1847)
Besondere Popularität bei der
Kasseler Bürgerschaft
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Klick vergrößert Liegefigur der Gräfin 
Emilie von Reichbach-Lessonitz
(1791 1843)
im Mausoleum Hauptfriedhof
Frankfurt am Main
Gertrude
Fürstin v. Hanau und zu Horzowitz
Gräfin von Schaumburg
Druck von Rehand nach einer Photographie der 50er Jahre
Kassel, Murhard'sche Bibliothek
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Klick vergrößert Wilhelm II. Kurfürst von Hessen
Miniatur auf Elfenbein von
L. Grünbaum (um 1830)
Kassel, Städtische Galerie
(Bose-Sammlung)
Gertrude
gesch. Lehmann
geb. Falkensten
Gräfin von Schaumburg
(1806-1882)
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Klick vergrößert Wilhelm II. Kurfürst von Hessen
Modell für eine Medaille, um 1820
von Heinrich Wilhelm Kompff
Friedrich Wilhelm
(1802-1875)
Kurfürst von Hessen
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Klick vergrößert Gräfin Amalie von Reichenbach-Lessonitz (1838-1912) ließ sich 1891/92 in Frankfurt am Main
Taunusanlage 14 ein schloßähnliches Anwesen in neobarocken Formen als Witwensitz errichten.
Friedrich Wilhelm
Kurprinz u. Mitregent von Hessen
(1802-1875)
mit seinen Adjutanten
Lithographie aus der Mitte der 30er Jahre
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Klick vergrößert Palais Reichenbach-Lessonitz
Frankfurt am Main,
Taunusanlage 14
Detail aus der Eingangshalle
 Bildnis
Louise von Reichenbach-Lessonitz (28.02.1813-03.10.1883)
gemalt 1820 von Johann August von der Embde
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Klick vergrößert Palais Reichenbach-Lessonitz
Frankfurt am Main,
Taunusanlage 14
Gartentor
Louise Bose
geb. von Reichenbach-Lessonitz
(1813-1883) ohne Nachkommen
Photographie um 1880
 
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Bericht Gustav Funke aus "Frankfurt Lebendige Stadt" Heft 4, Dezember 1961

  Emilie Ortlepp Gräfin von Reichenbach-Lessonitz

Die Frankfurter Exiljahre von Kurfürst Wilhelm II. von Hessen Kassel


Von einer verwilderten Anlage umsäumt, liegt, wenige Schritte abseits des breiten Weges, der das alte Portal des Hauptfriedhofs mit dem neuen verbindet, das Mausoleum der gräflichen Familie Reichenbach-Lessonitz. Es wurde 1843 von Friedrich Hessemer, Professor der Baukunst am Städelschen Institut, im Auftrag des Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen Kassel, für dessen zweite Gattin, Gräfin Emilie Reichenbach, geb. Ortlepp, errichtet. In der linken Nische der Kapelle steht ein von Bildhauer von der Launitz geschaffener Marmorsarkophag, der die Verstorbene, liegend, in Lebensgröße zeigt. Die Kinder der Gräfin ließen später von dem gleichen Künstler einen zweiten Sarkophag mit der Gestalt des aufgebahrten Kurfürsten, ihres Vaters, anfertigen und in der rechten Nische der Kapelle aufstellen. Das Leben Wilhelms II. von Hessen Kassel, dessen letzte Kapitel in Frankfurt spielen, war von schicksalhafter Dramatik erfüllt.

Im Februar 1797 zwang der aus dem Haus Lothringen-Brabant stammende Landgraf Wilhelm IX. von Hessen (er empfing 1803 durch den »Reichsdeputationshauptbeschluß« erheblichen Gebietszuwachs für sein Land und regierte seitdem als Kurfürst Wilhelm 1.) seinen Sohn Wilhelm (geb. 1777) aus politischen Gründen zur Heirat mit Prinzessin Augusta, Tochter König Friedrich Wilhelms III. von Preußen. Zwei Menschen völlig diametralen Charakters wurden aneinandergekettet. Die junge Frau, deren Anmut und Schlichtheit Goethe und Bettina von Arnim rühmten, den Künsten, besonders der Malerei, zugetan, schien nicht geneigt, sich ihrem, auf höfische Etikette bedachten, despotischen Gemahl anzupassen. Gegenseitige Verstimmungen steigerten sich bis zu Tätlichkeiten. Es wird berichtet, daß der Kurprinz seine Gemahlin bei der Tafel mit dem Messer bedrohte. Das Inferno begann in Hanau, wohin die Neuvermählten übersiedelten. Aus der zerrütteten Ehe gingen fünf Kinder, darunter Friedrich Wilhelm (geb. 1802), der letzte deutsche Kurfürst, hervor, der 1866 Land und Thron verlor.
Als Napoleon I. Preußen 1806 den Krieg erklärte, blieb Hessen neutral. Trotzdem besetzten französische Heere das gesamte Gebiet. Der Kurfürst floh nach Holstein, von da mit seinem Sohn nach Prag. Augusta suchte mit den Kindern Zuflucht bei ihren Eltern in Berlin. Wilhelm traf erst drei Jahre später dort ein. Der frostige Empfang steigerte sich zu einem heftigen Disput wegen Erhöhung der Apanage, die der filzige Schwiegervater auf 3.000 Reichstaler bemessen hatte.

Eines Abends, im Jahr 1812, begab sich Erbprinz Wilhelm zum Juwelier Christian Ortlepp in der Königstraße zu Berlin. Er wollte den dort einst als Verlobungsgeschenk für Augusta gekauften, mit Brillanten besetzten Saphirring veräußern. Der Geschäftsinhaber war nicht da. Statt seiner erschien dessen zweite Tochter Emilie, eine zwanzigjährige Brünette. Wilhelm war von ihrem Charme geblendet. Er kam von nun an täglich in den Laden. Den Vorschlag des Kurprinzen, mit Emilie eine Gewissensehe eingehen zu wollen, lehnte der Juwelier jedoch ab und verbat sich weitere Besuche.

Als Wilhelm aber, von häuslichen Zwistigkeiten zermürbt, erkrankte, folgte die Goldschmiedstochter dem fürstlichen Kammerdiener heimlich ins Schloß und übernahm die Pflege.

Emilie Ortlepp war ein leidenschaftliches Geschöpf, dabei klug und ehrgeizig. Durch geschäftliche Tätigkeit im Umgang mit Menschen geübt, gelang es ihr, den Kurprinzen völlig an sich zu ketten. »Meine Liebe und mein Attachement bleibt immer, nah und fern, dieselbe“ schrieb ihr Wilhelm, als er 1813 zu seinem Vater nach Prag zurückgekehrt war. Zuvor erhielt Emilie eine Anweisung „auf das liebe Geld“, da sie ein Kind erwartete. »Ich hoffe“, heißt es in einem anderen Brief, »Du wirst nun doch zuweilen an mich denken, wenigstens hast Du eine kleine Ursache dazu.“ Es zeugt für völlige Selbstaufgabe, daß der Kurprinz, nach erster, kühler Wiederbegegnung mit Emilie, in ihrer Berliner Wohnung an der Poststraße, schrieb: »Ich wünsche Dir eine recht gute Nacht und hoffe, daß Du nicht böse auf mich bist. Je länger Du mich kennen lernen wirst, je fester wird der Gedanke bei Dir werden, daß es mein Bestreben ist, mich Deiner Liebe würdig zu erweisen“. Emilie Ortlepp verfügte über die Raffinesse berühmter Kurtisanen. Sie wußte, daß sie ihren Anbeter am sichersten beherrschte, wenn er um ihre Zuneigung bangte. »Ich hoffe, Du wirst an meiner herzlichen Liebe nie zweifeln“, steht in einem Billett aus Möckern bei Leipzig, wo Kurprinz Wilhelm die Feuertaufe erhielt.“ ... Sei stets der rechtschaffendsten Gesinnungen überzeugt, welche ich nie verlieren werde.“
 
Vielleicht war jene Berliner Juwelierstochter die einzige Frau, der es gelingen konnte, dem labilen, reizbaren Mann feste Stütze zu sein. Sie verstand es, ihm das behagliche Heim zu bieten, das er zuvor nie besessen hatte.

Im März 1814 traf der Kurprinz, an der Spitze seiner Truppen, aus dem Frankreichfeldzug heimkehrend, in Kassel ein. 1816 zog die Favoritin in ein luxuriös ausgestattetes Palais an der oberen Karlstraße, Ecke Friedrichsplatz. Erst jetzt erfuhr die Kurprinzessin von der jahrelangen Liaison Wilhelms. Ein Faustschlag ins Gesicht seiner Frau beendete den Wortwechsel. Die Höfe zu Berlin und Kassel lehnten die von Augusta geforderte Scheidung ab. Man wollte einen öffentlichen Skandal vermeiden. Der Geheimvertrag vom 21. Oktober 1815 formulierte juristisch die Trennung der Ehegatten von Tisch und Bett.

Als Kurfürst Wilhelm II. übernahm der Prinz 1821 die Regierung. Bald darauf ernannte er seine Freundin zur Gräfin Reichenbach (nach einer Burg bei Waldkappel). Zwei Jahre später erwarb er für sie und ihre Kinder die bisher dem Grafen Trautmannsdorf gehörenden Domänen Lessonitz, Bisenz und Unter Moschtienitz in Böhmen. Ein Diplom des Kaisers von Österreich bestimmte, daß alle Gräfinnen und Grafen von Reichenbach-Lessonitz künftig nicht mehr kurhessische, sondern österreichische Staatsangehörige sein sollten. Die Kasselaner waren empört. Wilhelm erhielt Drohbriefe eines »Rächerbundes“, daß sein Leben auf dem Spiel stehe, wenn er die Reichenbach nicht von den Regierungsgeschäften ausschalte. Kurfürstin Augusta erfreute sich größter Wertschätzung. Auch der Thronfolger Friedrich Wilhelm haßte seinen Vater. Einen Tag nachdem in der Ständeversammlung unter blutigen Straßendemonstrationen die neue liberalere Verfassung erlassen worden war, suchte eine aufgewiegelte Volksmenge Schloß Wilhelmshöhe zu stürmen und die gefährliche Kurtisane zu vertreiben. Der Kurfürst verließ darauf für immer seine Hauptstadt und setzte, von Hanau aus, seinen Sohn Friedrich Wilhelm zum „Mitregenten“ ein. Emilie reiste mit ihren Kindern zunächst nach Prag.
Da der Hanauer Bürgermeister dem Monarchen erklärte, daß die Anwesenheit der Gräfin unliebsame Zwischenfälle hervorrufen könnte, siedelte Wilhelm nach Frankfurt über. Man richtete sich fürs erste in Sachsenhausen ein. Die dem Kurfürsten zur Entscheidung per Kurier überbrachten Beschlüsse der Kasseler Staatsregierung wurden von hier aus verworfen, abgeändert oder gebilligt. Die Bitte verschiedener kurhessischer Deputationen, im Interesse des Landes in die Hauptstadt zurückzukehren, schlug der Kurfürst ab. Um die materielle Existenz der Reichenbachschen Erben noch mehr zu sichern, stiftete Wilhelm, auf Anraten Emiliens, durch Schenkungsurkunden ein reiches Fideikommiß. Allein Graf Wilhelm, der 1857 die Baronesse Amélie Göler von Ravensburg, aus Karlsruhe, heiratete, erhielt für 384.000 Gulden die Besitzung Langenzell in Baden. Im Staatshaushalt fehlte indessen das Geld selbst für dringende Aufgaben, wie die Renovierung der Landstraßen.

Mittlerweile hatte Wilhelm mit der Familie Reichenbach in der Neuen Mainzerstraße (nahe der damaligen Stangengasse) ein elegant ausgestattetes Herrschaftshaus bezogen. Nach dem Tod seiner ersten Gattin, der Kurfürstin Augusta, am 19.Juli 1841, stand einer offiziellen Heirat mit Emilie Ortlepp nichts mehr im Wege. Kaiser Ferdinand von Österreich erteilte seinem »durchlauchtigsten, freundlich lieben Vetter und Kurfürsten“ die Erlaubnis, mit seiner Untertanin, der Gräfin Reichenbach, eine morganatische Ehe zu schließen, von dem Wunsch beseelt, »daß die Verbindung zu Eurer Liebden persönlichem Glücke möglichst beitragen werde“. Die Hochzeit fand auf der Besitzung des Bräutigams in Bisenz bei Brünn statt. Zu den Trauzeugen gehörte auch Staatskanzler Fürst Metternich.

In Frankfurt führte Wilhelm an der Seite seiner zweiten Gattin ein zurückgezogenes Dasein. Allmählich lernte er die liberale Atmosphäre der freien Reichsstadt, in der jeder Bürger nach seiner Facon leben und offen seine Meinung aussprechen konnte, schätzen. Längst hatte er seinen Herrscherehrgeiz begraben. Vor dem »Untermainthor“, zwischen Chaussee und Gallusfeld (damals auch »Bei der Windmühle« genannt) erwarb er das parkumgebene du Faysche Gartenhaus, das er im Sommer 1842 als Heim für die Gräfin Reichenbach um und ausbauen ließ. Es bestand aus dem großen Palais und dem sogenannten »Zirkelbau«, der 1844 noch durch Orangerie und Kamelienhaus ergänzt wurde. Einige Zeit bewohnte es auch die älteste Tochter der Reichenbach, Louise, die den Wirklichen Geheimrat, August, Reichsgrafen von Bose, aus Dresden heiratete. Nach Wilhelms Tod diente das Anwesen seinem Sohn Friedrich Wilhelm als Sommeraufenthalt. 1866 überführte man den größten Teil des Mobiliars nach Schloß Herzowitz in Böhmen, Besitzung der Fürstin von Hanau, Gemahlin des letzten hessischen Kurfürsten. Am 25. Oktober 1842 erkrankte die Gräfin an akuter Leberentzündung. Zweiundfünfzigjährig starb Emilie Ortlepp in der Nacht zum 12. Februar 1843 im Palais an der Neuen Mainzerstraße. Die Beerdigung auf dem Frankfurter Hauptfriedhof war ein denkwürdiges Ereignis. Die Bundestagsgesandten schickten ihre Wagen, Mitglieder des Senats der Freien Reichsstadt, Patrizier und Deputationen aus Hessen nahmen an der Trauerfeier teil. Der goldbeschlagene Sarg wurde zunächst in der Reihengruft 29 beigesetzt.
 
Kurfürst Wilhelm beauftragte Professor Friedrich Hessemer, Dozent für Baukunst an der Städelschule, ein Mausoleum aus rotem Sandstein zu errichten. Es liegt, von einer kleinen Anlage umgeben, seitlich der breiten Gräberstraße, die vom alten Portal des Frankfurter Hauptfriedhofs zur Trauerhalle führt. In der linken Nische dieses Rundgewölbes steht der imposante, von Bildhauer von der Launitz geschaffene Marmorsarkophag, der Emilie Ortlepp in Lebensgröße, auf einer Ottomane liegend, zeigt. In der Gruft darunter befindet sich der Sarg. Davor, auf niedrigerem Podest, jener des dritten Sohns, Graf Wilhelm von Reichenbach, dessen Gemahlin Amélie gegenüber beigesetzt wurde. Auch der 1861 zu Prag verschiedene Grundherr der Besitzung Lessonitz, Gustav Carl (2. Sohn aus der Ehe des Kurfürsten mit Emilie Ortlepp) ist hier bestattet. Seinen Sarg zierten eine auf violettem Samtkissen ruhende, vergoldete Krone und ein Kruzifix.

Noch im gleichen Jahr schloß der vereinsamte Kurfürst mit der dreiundzwanzigjährigen Caroline von Berlepsch, Tochter des Kasseler Stadtkommandanten, eine dritte, trotz der enormen Altersunterschiede harmonische Ehe. Mit seiner jungen Frau siedelte Wilhelm in eine Villa an der Neuen Mainzerstraße (der damaligen »Millionärsstraße«) über, zu der ein großer Garten gehörte. Das Palais am »Unteren Mainthor« mied er. Am 20. November 1847 starb Kurfürst Wilhelm, 70 Jahre alt und wurde in der Fürstengruft der Hanauer Marienkirche beigesetzt. Die Reichenbachschen Kinder ließen im Frankfurter Mausoleum einen zweiten Sarkophag, mit der Gestalt des aufgebahrten Kurfürsten, in der rechten Nische der Frankfurter Grabkapelle aufstellen.

Wer vom Opernplatz kommend, die Taunusanlage passiert, erblickt zwischen Guiollettstraße und Zimmerweg einen großen verwilderten Garten, den massive Eisengitter und hohe, kunstvoll verzierte Flügeltore umschließen. Das verwahrloste Grundstück bildet zu den sorgsam gepflegten Rasenflächen und Blumenbeeten vor den benachbarten, neu instandgesetzten Häusern, einen bestürzenden Kontrast. Riesige Holunderbüsche, üppig wucherndes Jasmingesträuch und das dichte Laub uralter Platanen verdecken während des Sommers, fast gänzlich die rauchgeschwärzte Fassade des im Krieg durch Brandbomben zerstörten Palastes, hinter dessen breiten Fensterhöhlen Unkraut emporschießt. Etwas gedämpft dringt der Motorenlärm von der Straße in die Einöde. Schreiten Neugierige auf dem von Gras bewachsenen Fahrweg zur Rückfront des Schlößchens, die Balken und eingemauerte Backsteine notdürftig vor Einsturz bewahren, gewinnen sie einen Begriff von der großzügigen, noblen Architektur, die an Adelssitze des Wiener Ringstraßenviertels und der Pariser Champs-Elysée gemahnt. Ältere Frankfurter kennen dieses Palais aus den Tagen des Glanzes, da zur Sommerzeit im Garten, aus mächtigen Steinurnen, dunkelrote Geranien flammten und schmiedeeiserne Ketten bogenförmig das halbmondförmige Rasenrondell einfriedeten. Durch das mächtige Rundfenster, über dem Portal mit der geschnitzten Eichentür, sah man den riesigen venezianischen Kronleuchter des Salons. Wenn die Gräfin in ihrer, mit grauem Samt ausgeschlagenen Equipage in die Oper oder zum Museumskonzert im Saalbau fuhr, saß neben dem Kutscher in brauner Livrée noch ein Diener, der am Ziel den Wagenschlag öffnete und seiner Herrin den Mantel abnahm.
 
Gräfin Amélie von Reichenbach-Lessonitz, seit 1866 verwitwet, wohnte von 1879 1892 in dem heute nicht mehr vorhandenen Haus Hochstraße 6. 1891 erwarb sie von dem angesehenen Weinhändler Carl Feist-Belmont und seiner Gattin Auguste, geb. Graubner, das über 33 ar umfassende Grundstück Taunusanlage Nr. 14, »mit allen Zubehörungen, Rechten, aber auch mit allen Lasten und Beschwerden«, wie es in dem von Rechtsanwalt Dr. Haeberlin ausgearbeiteten Kaufvertrag heißt, für 520.000 Goldmark, von denen 100.000 sofort, der Rest in den folgenden vier Jahren mit 4'%. Zinsen zu tilgen war. 1892 bezog Gräfin Amélie das von der Baufirma I. A. Ohl, nach ihren Wünschen, auf jenem Terrain errichtete Palais, das sie, nur unterbrochen von regelmäßigen Sommeraufenthalten in dem ihr gehörenden Schloß Eugensberg bei Ermatingen, im Schweizer Kanton Thurgau (einer ehemaligen Besitzung von Napoleons Schwiegersohn Eugen Beauharnais, die sie von ihrem Gemahl als Morgengabe erhalten hatte) bis zu ihrem Tod, am 14. März 1912, bewohnte.

Am 19. April 1857 heiratete die neunzehnjährige Reichsfreiin Amèlie Goeler von Ravensburg (geb. 27. April 1838), Tochter eines badischen Hauptmanns, zu Karlsruhe, den Grafen Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz (3. Sohn des Kurfürsten Wilhelms II. von Hessen, und dessen zweiter Gemahlin Emilie Ortlepp). Graf Wilhelm (geb. 23. Juni 1824 zu Kassel), der mit Viktor von Scheffel das Karlsruher Gymnasium und später die Universität Heidelberg besuchte, um Kameralistik zu studieren, war ein weitoffener, dem technischen und sozialen Fortschritt aufgeschlossener Mann, dem Absolutismus abgeneigt. Er trat für eine liberale Politik ein, befaßte sich intensiv mit den Problemen der beginnenden Industrialisierung und der Kleinlandwirte, insbesondere auch mit Arbeiterfragen. Seine Schrift »Bäuerliche Anliegen« (Frankfurt, 1861) erregte allgemeines Aufsehen. Der »Volkswirtschaftliche Verein für Süddeutschland« fand in ihm einen eifrigen Förderer. Die Stiftertafel der »Chemischen Fabrik Griesheim« nennt Graf Wilhelm als Mitbegründer. Die hochgradige Nervosität seines starrköpfigen, zu Jähzorn neigenden Vaters blieb auf die seelische Konstitution des Grafen nicht ohne Einfluß. Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz war übersensibel und neigte zu Depressionen. Auf einer Reise durch die Schweiz schied er, zweiundvierzigjährig, am 19. Januar 1866 zu Neuchàtel freiwillig aus dem Leben. »Ich habe Ihren so unerwartet schnell den Seinigen entrissenen Gemahl seit der Schule und Universitätszeit zu meinen lieben Jugendfreunden gezählt und freudig, auch in späteren Lebenslagen, erfahren, wie er mir und meinen Eltern alte Zuneigung bewahrte«, schrieb Viktor von Scheffel aus Karlsruhe an Gräfin Amèlie. »Möge die energische, in so manchem Zusammentreffen mit Menschen und Dingen unruhig bewegte Seele des verblichenen Freundes Ruhe finden im Frieden Gottes.« Am 30. April 1874 traf aus Radolfzell (wo Scheffel das Haus »Seehalde« zum Wohnsitz erworben hatte) wieder ein Kondolenzbrief bei der Gräfin ein. Caroline (Lilly), ihre zweite Tochter, war mit 14 Jahren in Stuttgart gestorben.
 
Pauline, die älteste Tochter der Gräfin Amèlie (1858 bis 1927), hatte 1880 den Prinzen Alfred zu Löwenstein-Wertheim Freudenberg(1855 1925) geheiratet. Ihre Erben verkauften 1953 das zerstörte Palais, Taunusanlage 14 (in dem sich während der Epoche des »Dritten Reiches« ein Führungsstab der SS eingenistet hatte), an die »Accumulatoren-Fabrik Hagen«, die demnächst auf dem verwilderten Terrain ein Bürogebäude errichtet.

Gräfin Amèlie wurde im Erbbegräbnis zu Ermatingen (unterhalb des Schlosses Eugensberg) an der Seite ihres Gatten beigesetzt. Am 21. Februar 1913 überführte man beide Särge ins Mausoleum Reichenbach-Lessonitz auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Frankturt und das Land Hessen verdanken der ältesten, aus der Verbindung des Kurfürsten Wilhelm II. mit Emilie Ortlepp hervorgegangenen Tochter Louise Wilhelmine (1813 1883) der späteren Reichsgräfin Bose, bedeutende Stiftungen. Kinderlos geblieben, vermachte sie fast ihr gesamtes Vermögen wissenschaftlichen, künstlerischen und charitativen Instituten. Die »Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft« erhielt Zuwendungen von 1 1/5 Millionen Goldmark, darunter die Gebäude Mainzer Landstraße 42. Weitere hohe Beträge gingen an hessische Städte, mit der Maßgabe, daß bei Geldspenden aus diesen Fonds konfessionelle Erwägungen keine Rolle spielen dürften. Wertvolle Gemälde aus dem Besitz der Reichsgräfin befinden sich heute in der Staatsgalerie und im Rathaus zu Kassel.

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