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Emilie Ortlepp Gräfin von
Reichenbach-Lessonitz
Die Frankfurter Exiljahre von Kurfürst Wilhelm II. von Hessen Kassel
Von einer verwilderten Anlage umsäumt, liegt, wenige Schritte abseits
des breiten Weges, der das alte Portal des Hauptfriedhofs mit dem neuen
verbindet, das Mausoleum der gräflichen Familie Reichenbach-Lessonitz.
Es wurde 1843 von Friedrich Hessemer, Professor der Baukunst am
Städelschen Institut, im Auftrag des Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen
Kassel, für dessen zweite Gattin, Gräfin Emilie Reichenbach, geb.
Ortlepp, errichtet. In der linken Nische der Kapelle steht ein von
Bildhauer von der Launitz geschaffener Marmorsarkophag, der die
Verstorbene, liegend, in Lebensgröße zeigt. Die Kinder der Gräfin ließen
später von dem gleichen Künstler einen zweiten Sarkophag mit der Gestalt
des aufgebahrten Kurfürsten, ihres Vaters, anfertigen und in der rechten
Nische der Kapelle aufstellen. Das Leben Wilhelms II. von Hessen Kassel,
dessen letzte Kapitel in Frankfurt spielen, war von schicksalhafter
Dramatik erfüllt.
Im Februar 1797 zwang der aus dem Haus Lothringen-Brabant stammende
Landgraf Wilhelm IX. von Hessen (er empfing 1803 durch den
»Reichsdeputationshauptbeschluß« erheblichen Gebietszuwachs für sein
Land und regierte seitdem als Kurfürst Wilhelm 1.) seinen Sohn Wilhelm
(geb. 1777) aus politischen Gründen zur Heirat mit Prinzessin Augusta,
Tochter König Friedrich Wilhelms III. von Preußen. Zwei Menschen völlig
diametralen Charakters wurden aneinandergekettet. Die junge Frau, deren
Anmut und Schlichtheit Goethe und Bettina von Arnim rühmten, den
Künsten, besonders der Malerei, zugetan, schien nicht geneigt, sich
ihrem, auf höfische Etikette bedachten, despotischen Gemahl anzupassen.
Gegenseitige Verstimmungen steigerten sich bis zu Tätlichkeiten. Es wird
berichtet, daß der Kurprinz seine Gemahlin bei der Tafel mit dem Messer
bedrohte. Das Inferno begann in Hanau, wohin die Neuvermählten
übersiedelten. Aus der zerrütteten Ehe gingen fünf Kinder, darunter
Friedrich Wilhelm (geb. 1802), der letzte deutsche Kurfürst, hervor, der
1866 Land und Thron verlor. |
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Als Napoleon I. Preußen 1806 den
Krieg erklärte, blieb Hessen neutral. Trotzdem besetzten französische
Heere das gesamte Gebiet. Der Kurfürst floh nach Holstein, von da mit
seinem Sohn nach Prag. Augusta suchte mit den Kindern Zuflucht bei ihren
Eltern in Berlin. Wilhelm traf erst drei Jahre später dort ein. Der
frostige Empfang steigerte sich zu einem heftigen Disput wegen Erhöhung
der Apanage, die der filzige Schwiegervater auf 3.000 Reichstaler
bemessen hatte.
Eines Abends, im Jahr 1812, begab sich Erbprinz Wilhelm zum Juwelier
Christian Ortlepp in der Königstraße zu Berlin. Er wollte den dort einst
als Verlobungsgeschenk für Augusta gekauften, mit Brillanten besetzten
Saphirring veräußern. Der Geschäftsinhaber war nicht da. Statt seiner
erschien dessen zweite Tochter Emilie, eine zwanzigjährige Brünette.
Wilhelm war von ihrem Charme geblendet. Er kam von nun an täglich in den
Laden. Den Vorschlag des Kurprinzen, mit Emilie eine Gewissensehe
eingehen zu wollen, lehnte der Juwelier jedoch ab und verbat sich
weitere Besuche.
Als Wilhelm aber, von häuslichen Zwistigkeiten zermürbt, erkrankte,
folgte die Goldschmiedstochter dem fürstlichen Kammerdiener heimlich ins
Schloß und übernahm die Pflege.
Emilie Ortlepp war ein leidenschaftliches Geschöpf, dabei klug und
ehrgeizig. Durch geschäftliche Tätigkeit im Umgang mit Menschen geübt,
gelang es ihr, den Kurprinzen völlig an sich zu ketten. »Meine Liebe und
mein Attachement bleibt immer, nah und fern, dieselbe“ schrieb ihr
Wilhelm, als er 1813 zu seinem Vater nach Prag zurückgekehrt war. Zuvor
erhielt Emilie eine Anweisung „auf das liebe Geld“, da sie ein Kind
erwartete. »Ich hoffe“, heißt es in einem anderen Brief, »Du wirst nun
doch zuweilen an mich denken, wenigstens hast Du eine kleine Ursache
dazu.“ Es zeugt für völlige Selbstaufgabe, daß der Kurprinz, nach
erster, kühler Wiederbegegnung mit Emilie, in ihrer Berliner Wohnung an
der Poststraße, schrieb: »Ich wünsche Dir eine recht gute Nacht und
hoffe, daß Du nicht böse auf mich bist. Je länger Du mich kennen lernen
wirst, je fester wird der Gedanke bei Dir werden, daß es mein Bestreben
ist, mich Deiner Liebe würdig zu erweisen“. Emilie Ortlepp verfügte über
die Raffinesse berühmter Kurtisanen. Sie wußte, daß sie ihren Anbeter am
sichersten beherrschte, wenn er um ihre Zuneigung bangte. »Ich hoffe, Du
wirst an meiner herzlichen Liebe nie zweifeln“, steht in einem Billett
aus Möckern bei Leipzig, wo Kurprinz Wilhelm die Feuertaufe erhielt.“
... Sei stets der rechtschaffendsten Gesinnungen überzeugt, welche ich
nie verlieren werde.“
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Vielleicht war jene Berliner Juwelierstochter die einzige Frau, der es
gelingen konnte, dem labilen, reizbaren Mann feste Stütze zu sein. Sie
verstand es, ihm das behagliche Heim zu bieten, das er zuvor nie
besessen hatte.
Im März 1814 traf der Kurprinz, an der Spitze seiner Truppen, aus dem
Frankreichfeldzug heimkehrend, in Kassel ein. 1816 zog die Favoritin in
ein luxuriös ausgestattetes Palais an der oberen Karlstraße, Ecke
Friedrichsplatz. Erst jetzt erfuhr die Kurprinzessin von der jahrelangen
Liaison Wilhelms. Ein Faustschlag ins Gesicht seiner Frau beendete den
Wortwechsel. Die Höfe zu Berlin und Kassel lehnten die von Augusta
geforderte Scheidung ab. Man wollte einen öffentlichen Skandal
vermeiden. Der Geheimvertrag vom 21. Oktober 1815 formulierte juristisch
die Trennung der Ehegatten von Tisch und Bett.
Als Kurfürst Wilhelm II. übernahm der Prinz 1821 die Regierung. Bald
darauf ernannte er seine Freundin zur Gräfin Reichenbach (nach einer
Burg bei Waldkappel). Zwei Jahre später erwarb er für sie und ihre
Kinder die bisher dem Grafen Trautmannsdorf gehörenden Domänen
Lessonitz, Bisenz und Unter Moschtienitz in Böhmen. Ein Diplom des
Kaisers von Österreich bestimmte, daß alle Gräfinnen und Grafen von
Reichenbach-Lessonitz künftig nicht mehr kurhessische, sondern
österreichische Staatsangehörige sein sollten. Die Kasselaner waren
empört. Wilhelm erhielt Drohbriefe eines »Rächerbundes“, daß sein Leben
auf dem Spiel stehe, wenn er die Reichenbach nicht von den
Regierungsgeschäften ausschalte. Kurfürstin Augusta erfreute sich
größter Wertschätzung. Auch der Thronfolger Friedrich Wilhelm haßte
seinen Vater. Einen Tag nachdem in der Ständeversammlung unter blutigen
Straßendemonstrationen die neue liberalere Verfassung erlassen worden
war, suchte eine aufgewiegelte Volksmenge Schloß Wilhelmshöhe zu stürmen
und die gefährliche Kurtisane zu vertreiben. Der Kurfürst verließ darauf
für immer seine Hauptstadt und setzte, von Hanau aus, seinen Sohn
Friedrich Wilhelm zum „Mitregenten“ ein. Emilie reiste mit ihren Kindern
zunächst nach Prag. |
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Da der Hanauer Bürgermeister dem Monarchen erklärte, daß die Anwesenheit
der Gräfin unliebsame Zwischenfälle hervorrufen könnte, siedelte Wilhelm
nach Frankfurt über. Man richtete sich fürs erste in Sachsenhausen ein.
Die dem Kurfürsten zur Entscheidung per Kurier überbrachten Beschlüsse
der Kasseler Staatsregierung wurden von hier aus verworfen, abgeändert
oder gebilligt. Die Bitte verschiedener kurhessischer Deputationen, im
Interesse des Landes in die Hauptstadt zurückzukehren, schlug der
Kurfürst ab. Um die materielle Existenz der Reichenbachschen Erben noch
mehr zu sichern, stiftete Wilhelm, auf Anraten Emiliens, durch
Schenkungsurkunden ein reiches Fideikommiß. Allein Graf Wilhelm, der
1857 die Baronesse Amélie Göler von Ravensburg, aus Karlsruhe,
heiratete, erhielt für 384.000 Gulden die Besitzung Langenzell in Baden.
Im Staatshaushalt fehlte indessen das Geld selbst für dringende
Aufgaben, wie die Renovierung der Landstraßen.
Mittlerweile hatte Wilhelm mit der Familie Reichenbach in der Neuen
Mainzerstraße (nahe der damaligen Stangengasse) ein elegant
ausgestattetes Herrschaftshaus bezogen. Nach dem Tod seiner ersten
Gattin, der Kurfürstin Augusta, am 19.Juli 1841, stand einer offiziellen
Heirat mit Emilie Ortlepp nichts mehr im Wege. Kaiser Ferdinand von
Österreich erteilte seinem »durchlauchtigsten, freundlich lieben Vetter
und Kurfürsten“ die Erlaubnis, mit seiner Untertanin, der Gräfin
Reichenbach, eine morganatische Ehe zu schließen, von dem Wunsch
beseelt, »daß die Verbindung zu Eurer Liebden persönlichem Glücke
möglichst beitragen werde“. Die Hochzeit fand auf der Besitzung des
Bräutigams in Bisenz bei Brünn statt. Zu den Trauzeugen gehörte auch
Staatskanzler Fürst Metternich.
In Frankfurt führte Wilhelm an der Seite seiner zweiten Gattin ein
zurückgezogenes Dasein. Allmählich lernte er die liberale Atmosphäre der
freien Reichsstadt, in der jeder Bürger nach seiner Facon leben und
offen seine Meinung aussprechen konnte, schätzen. Längst hatte er seinen
Herrscherehrgeiz begraben. Vor dem »Untermainthor“, zwischen Chaussee
und Gallusfeld (damals auch »Bei der Windmühle« genannt) erwarb er das
parkumgebene du Faysche Gartenhaus, das er im Sommer 1842 als Heim für
die Gräfin Reichenbach um und ausbauen ließ. Es bestand aus dem großen
Palais und dem sogenannten »Zirkelbau«, der 1844 noch durch Orangerie
und Kamelienhaus ergänzt wurde. Einige Zeit bewohnte es auch die älteste
Tochter der Reichenbach, Louise, die den Wirklichen Geheimrat, August,
Reichsgrafen von Bose, aus Dresden heiratete. Nach Wilhelms Tod diente
das Anwesen seinem Sohn Friedrich Wilhelm als Sommeraufenthalt. 1866
überführte man den größten Teil des Mobiliars nach Schloß Herzowitz in
Böhmen, Besitzung der Fürstin von Hanau, Gemahlin des letzten hessischen
Kurfürsten. Am 25. Oktober 1842 erkrankte die Gräfin an akuter
Leberentzündung. Zweiundfünfzigjährig starb Emilie Ortlepp in der Nacht
zum 12. Februar 1843 im Palais an der Neuen Mainzerstraße. Die
Beerdigung auf dem Frankfurter Hauptfriedhof war ein denkwürdiges
Ereignis. Die Bundestagsgesandten schickten ihre Wagen, Mitglieder des
Senats der Freien Reichsstadt, Patrizier und Deputationen aus Hessen
nahmen an der Trauerfeier teil. Der goldbeschlagene Sarg wurde zunächst
in der Reihengruft 29 beigesetzt.
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Kurfürst Wilhelm beauftragte Professor Friedrich Hessemer, Dozent für
Baukunst an der Städelschule, ein Mausoleum aus rotem Sandstein zu
errichten. Es liegt, von einer kleinen Anlage umgeben, seitlich der
breiten Gräberstraße, die vom alten Portal des Frankfurter
Hauptfriedhofs zur Trauerhalle führt. In der linken Nische dieses
Rundgewölbes steht der imposante, von Bildhauer von der Launitz
geschaffene Marmorsarkophag, der Emilie Ortlepp in Lebensgröße, auf
einer Ottomane liegend, zeigt. In der Gruft darunter befindet sich der
Sarg. Davor, auf niedrigerem Podest, jener des dritten Sohns, Graf
Wilhelm von Reichenbach, dessen Gemahlin Amélie gegenüber beigesetzt
wurde. Auch der 1861 zu Prag verschiedene Grundherr der Besitzung
Lessonitz, Gustav Carl (2. Sohn aus der Ehe des Kurfürsten mit Emilie
Ortlepp) ist hier bestattet. Seinen Sarg zierten eine auf violettem
Samtkissen ruhende, vergoldete Krone und ein Kruzifix.
Noch im gleichen Jahr schloß der vereinsamte Kurfürst mit der
dreiundzwanzigjährigen Caroline von Berlepsch, Tochter des Kasseler
Stadtkommandanten, eine dritte, trotz der enormen Altersunterschiede
harmonische Ehe. Mit seiner jungen Frau siedelte Wilhelm in eine Villa
an der Neuen Mainzerstraße (der damaligen »Millionärsstraße«) über, zu
der ein großer Garten gehörte. Das Palais am »Unteren Mainthor« mied er.
Am 20. November 1847 starb Kurfürst Wilhelm, 70 Jahre alt und wurde in
der Fürstengruft der Hanauer Marienkirche beigesetzt. Die
Reichenbachschen Kinder ließen im Frankfurter Mausoleum einen zweiten
Sarkophag, mit der Gestalt des aufgebahrten Kurfürsten, in der rechten
Nische der Frankfurter Grabkapelle aufstellen.
Wer vom Opernplatz kommend, die Taunusanlage passiert, erblickt zwischen
Guiollettstraße und Zimmerweg einen großen verwilderten Garten, den
massive Eisengitter und hohe, kunstvoll verzierte Flügeltore
umschließen. Das verwahrloste Grundstück bildet zu den sorgsam
gepflegten Rasenflächen und Blumenbeeten vor den benachbarten, neu
instandgesetzten Häusern, einen bestürzenden Kontrast. Riesige
Holunderbüsche, üppig wucherndes Jasmingesträuch und das dichte Laub
uralter Platanen verdecken während des Sommers, fast gänzlich die
rauchgeschwärzte Fassade des im Krieg durch Brandbomben zerstörten
Palastes, hinter dessen breiten Fensterhöhlen Unkraut emporschießt.
Etwas gedämpft dringt der Motorenlärm von der Straße in die Einöde.
Schreiten Neugierige auf dem von Gras bewachsenen Fahrweg zur Rückfront
des Schlößchens, die Balken und eingemauerte Backsteine notdürftig vor
Einsturz bewahren, gewinnen sie einen Begriff von der großzügigen,
noblen Architektur, die an Adelssitze des Wiener Ringstraßenviertels und
der Pariser Champs-Elysée gemahnt. Ältere Frankfurter kennen dieses
Palais aus den Tagen des Glanzes, da zur Sommerzeit im Garten, aus
mächtigen Steinurnen, dunkelrote Geranien flammten und schmiedeeiserne
Ketten bogenförmig das halbmondförmige Rasenrondell einfriedeten. Durch
das mächtige Rundfenster, über dem Portal mit der geschnitzten
Eichentür, sah man den riesigen venezianischen Kronleuchter des Salons.
Wenn die Gräfin in ihrer, mit grauem Samt ausgeschlagenen Equipage in
die Oper oder zum Museumskonzert im Saalbau fuhr, saß neben dem Kutscher
in brauner Livrée noch ein Diener, der am Ziel den Wagenschlag öffnete
und seiner Herrin den Mantel abnahm.
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Gräfin Amélie von Reichenbach-Lessonitz, seit 1866 verwitwet, wohnte von
1879 1892 in dem heute nicht mehr vorhandenen Haus Hochstraße 6. 1891
erwarb sie von dem angesehenen Weinhändler Carl Feist-Belmont und seiner
Gattin Auguste, geb. Graubner, das über 33 ar umfassende Grundstück
Taunusanlage Nr. 14, »mit allen Zubehörungen, Rechten, aber auch mit
allen Lasten und Beschwerden«, wie es in dem von Rechtsanwalt Dr.
Haeberlin ausgearbeiteten Kaufvertrag heißt, für 520.000 Goldmark, von
denen 100.000 sofort, der Rest in den folgenden vier Jahren mit 4'%.
Zinsen zu tilgen war. 1892 bezog Gräfin Amélie das von der Baufirma I.
A. Ohl, nach ihren Wünschen, auf jenem Terrain errichtete Palais, das
sie, nur unterbrochen von regelmäßigen Sommeraufenthalten in dem ihr
gehörenden Schloß Eugensberg bei Ermatingen, im Schweizer Kanton Thurgau
(einer ehemaligen Besitzung von Napoleons Schwiegersohn Eugen
Beauharnais, die sie von ihrem Gemahl als Morgengabe erhalten hatte) bis
zu ihrem Tod, am 14. März 1912, bewohnte.
Am 19. April 1857 heiratete die neunzehnjährige Reichsfreiin Amèlie
Goeler von Ravensburg (geb. 27. April 1838), Tochter eines badischen
Hauptmanns, zu Karlsruhe, den Grafen Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz
(3. Sohn des Kurfürsten Wilhelms II. von Hessen, und dessen zweiter
Gemahlin Emilie Ortlepp). Graf Wilhelm (geb. 23. Juni 1824 zu Kassel),
der mit Viktor von Scheffel das Karlsruher Gymnasium und später die
Universität Heidelberg besuchte, um Kameralistik zu studieren, war ein
weitoffener, dem technischen und sozialen Fortschritt aufgeschlossener
Mann, dem Absolutismus abgeneigt. Er trat für eine liberale Politik ein,
befaßte sich intensiv mit den Problemen der beginnenden
Industrialisierung und der Kleinlandwirte, insbesondere auch mit
Arbeiterfragen. Seine Schrift »Bäuerliche Anliegen« (Frankfurt, 1861)
erregte allgemeines Aufsehen. Der »Volkswirtschaftliche Verein für
Süddeutschland« fand in ihm einen eifrigen Förderer. Die Stiftertafel
der »Chemischen Fabrik Griesheim« nennt Graf Wilhelm als Mitbegründer.
Die hochgradige Nervosität seines starrköpfigen, zu Jähzorn neigenden
Vaters blieb auf die seelische Konstitution des Grafen nicht ohne
Einfluß. Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz war übersensibel und neigte
zu Depressionen. Auf einer Reise durch die Schweiz schied er,
zweiundvierzigjährig, am 19. Januar 1866 zu Neuchàtel freiwillig aus dem
Leben. »Ich habe Ihren so unerwartet schnell den Seinigen entrissenen
Gemahl seit der Schule und Universitätszeit zu meinen lieben
Jugendfreunden gezählt und freudig, auch in späteren Lebenslagen,
erfahren, wie er mir und meinen Eltern alte Zuneigung bewahrte«, schrieb
Viktor von Scheffel aus Karlsruhe an Gräfin Amèlie. »Möge die
energische, in so manchem Zusammentreffen mit Menschen und Dingen
unruhig bewegte Seele des verblichenen Freundes Ruhe finden im Frieden
Gottes.« Am 30. April 1874 traf aus Radolfzell (wo Scheffel das Haus
»Seehalde« zum Wohnsitz erworben hatte) wieder ein Kondolenzbrief bei
der Gräfin ein. Caroline (Lilly), ihre zweite Tochter, war mit 14 Jahren
in Stuttgart gestorben.
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Pauline, die älteste Tochter der Gräfin Amèlie (1858 bis 1927), hatte
1880 den Prinzen Alfred zu Löwenstein-Wertheim Freudenberg(1855 1925)
geheiratet. Ihre Erben verkauften 1953 das zerstörte Palais,
Taunusanlage 14 (in dem sich während der Epoche des »Dritten Reiches«
ein Führungsstab der SS eingenistet hatte), an die »Accumulatoren-Fabrik
Hagen«, die demnächst auf dem verwilderten Terrain ein Bürogebäude
errichtet.
Gräfin Amèlie wurde im Erbbegräbnis zu Ermatingen (unterhalb des
Schlosses Eugensberg) an der Seite ihres Gatten beigesetzt. Am 21.
Februar 1913 überführte man beide Särge ins Mausoleum
Reichenbach-Lessonitz auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.
Frankturt und das Land Hessen verdanken der ältesten, aus der Verbindung
des Kurfürsten Wilhelm II. mit Emilie Ortlepp hervorgegangenen Tochter
Louise Wilhelmine (1813 1883) der späteren Reichsgräfin Bose, bedeutende
Stiftungen. Kinderlos geblieben, vermachte sie fast ihr gesamtes
Vermögen wissenschaftlichen, künstlerischen und charitativen Instituten.
Die »Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft« erhielt Zuwendungen
von 1 1/5 Millionen Goldmark, darunter die Gebäude Mainzer Landstraße
42. Weitere hohe Beträge gingen an hessische Städte, mit der Maßgabe,
daß bei Geldspenden aus diesen Fonds konfessionelle Erwägungen keine
Rolle spielen dürften. Wertvolle Gemälde aus dem Besitz der Reichsgräfin
befinden sich heute in der Staatsgalerie und im Rathaus zu Kassel. |