Frankfurter Hauptfriedhof: Grabstätten bedeutender Frauen
 Zurück zur Startseite  

Steppe, Hilde Prof. (1947-1999) 

Gewann E 1076

Allgemeine Info  
  Der hier angeführten Text ist zu finden auf:
http://www.fh-frankfurt.de/wwwbibl/07/steppe.htm

Aktuelles aus der Dokumentationsstelle Pflege / Hilde-Steppe-Archiv

Klick vergrößert Klick vergrößert Klick vergrößert
Erinnerung
an Hilde Steppe
 
Am 23. April 1999 ist Hilde Steppe nach schwerer Krankheit gestorben.
Sie war für die Pflege in der Bundesrepublik Deutschland eine zentrale
Persönlichkeit. Sie hat durch ihr Handeln und ihre wissenschaftlichen
Publikationen gleichermaßen zukunftsweisende Veränderungen angestoßen,
initiiert und begleitet.

Geboren am 6.10.1947 begann sie 1965 ihre Ausbildung zur Krankenschwester,
die sie 1968 abschloß. Es folgten Weiterbildungen zur Fachkrankenschwester
für Intensivpflege und Anästhesie sowie zur Pflegedienstleitung.
Über zehn Jahre war sie in ihrem Beruf in verschiedenen Positionen tätig, u.a. als Stationsleitung der intensivmedizinischen Abteilung des Instituts für Anästhesiologie an der Universitätsklinik Tübingen. Aus diesen, in ihren Erzählungen immer noch lebendigen Berufsjahren bezog sie bis zu ihrem Lebensende wesentliche Denkanstöße.

Mit dem Jahr 1978 begann eine neue Periode: Hilde Steppe wurde Lehrerin am
Fortbildungszentrum für Berufe im Gesundheitswesen des Berufsfortbildungswerks des DGB in Frankfurt, kurze Zeit später Leiterin des BfW. In diese Zeit fällt der Beginn des Aufbaus des "Archivs zur Geschichte der Pflege". Sie sammelte Primärquellen, Nachlässe, Fotos, teils antiquarische, teils aktuelle Bücher, die sich mit der Geschichte der Pflege, der Geschichte der Frauenbewegung und insbesondere mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus befaßten. Zusätzlich interviewte sie Krankenschwestern im Sinne der oral history; diese Interviews sind ebenfalls im "Archiv zur Geschichte der Pflege" auf Band und/oder transkribiert aufbewahrt. Mit dieser Arbeit knüpfte sie wieder an die verschütteten, vergessenen und verdrängten Anteile in der Pflege an, holte Verfolgte, Vertriebene und Ermordete wieder in unsere Erinnerung zurück. Mit dieser Sammlung und ihrer Arbeit schuf Hilde Steppe eine wesentliche Basis für die historisch-kritische Pflegeforschung. Im Jahr 1995 übergab sie diese große, einmalige Sammlung der Fachhochschule Frankfurt, sie wird dort als "Dokumentationsstelle Pflege" weitergeführt.
Es war immer ihr Wunsch, nach ihrer Berufung als Professorin mit den Quellen der Dokumentationsstelle Pflege wissenschaftlich arbeiten zu können.

Aus dieser Auseinandersetzung mit der Geschichte der Pflege in Deutschland, aber auch im Ausland, stammen viele internationale Kontakte. Die Kontakte mit emigrierten Krankenschwestern und die kritische Aufarbeitung der Rolle der Pflege im Nationalsozialismus bildeten die Basis für eine Akzeptanz bzw. Wiederakzeptanz der deutschen Pflege.
Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte schlug sich in der Herausgabe des Buches "Pflege im Nationalsozialismus" nieder, das demnächst in der 9. Auflage erscheinen wird.

Ihr Studium der Erziehungswissenschaften mit den Nebenfächern Geschichte, Psychologie und Sozialwissenschaften beendete sie 1994 mit dem Diplom. Es schloß sich die Promotion an der Universität Frankfurt zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland an, die im Herbst 1997 als Buch unter dem Titel "...den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre..." veröffentlicht wurde. Im Januar 1998 wurde sie als Professorin
der Pflegewissenschaft an den FB Pflege und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt berufen.

Die beiden Bereiche, also ihre eigene begeisterte Berufstätigkeit und Lehre der Pflege einerseits und die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Pflege als Frauenberuf andererseits, führten, konsequent weiterentwickelt, zur Erkenntnis, daß Pflege nicht mehr nur eng als Krankenpflege und damit medizinischer Assistenzberuf gesehen werden sollte, sondern daß eine Entwicklung zur Pflegewissenschaft, die Fragestellungen und Probleme aus
der Perspektive der Pflege definiert und bearbeitet, den einzig konsequenten Weg darstellt.
Diese Einstellung schlug sich in der zum Standardrepertoire gehörenden Artikelserie über "Pflegemodelle in der Praxis" (erschienen ab 1990) nieder.

Diese Professionalisierung der Pflege, die sie bereits mit Engagement aus ihrer Position am BfW betrieben hatte, verstärkte sie von ihrer neuen Stelle aus – Anfang 1992 wurde sie Referatsleiterin "Pflege im Gesundheitswesen" im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Jugend, Familie und Gesundheit in Wiesbaden. Aus dieser neuen Position, verbunden mit ihren langjährigen Kontakten, betrieb sie mit großer Energie die Etablierung der Pflege an den Hochschulen.
Sie war der festen Überzeugung, daß nicht nur Pflegepädagogik und -management an den Hochschulen studiert werden muß, sondern daß Pflegewissenschaft – also der Inhalt dessen, was andere managen und unterrichten sollen – an der Hochschule in Kooperation mit dem Praxisfeld
entwickelt und erforscht werden muß, um endlich dem Dilemma zu entgehen, daß andere Professionen den Inhalt von Pflege definieren. Bereits zum Wintersemester 1993/94 wurden die ersten Studierenden im grundständigen Studiengang Pflege in die hessischen Fachhochschulen aufgenommen. Der hessische Weg, mit der Einrichtung von drei grundständigen Studiengängen,
war und ist in der Pflege nicht unumstritten.

Hilde Steppe suchte nie nach angepaßten Lösungen. Im Gegenteil: Offene Fragen wurden systematisch, selbstkritisch und humorvoll diskutiert, und erst nach einer genauen Analyse vor dem Hintergrund ihres immensen Wissens- und Erfahrungsschatzes folgten die oft unkonventionellen Schlußfolgerungen.

So wird sie uns fehlen, gerade jetzt, wo so viele Neuordnungen im Gesundheitswesen und in der Pflege stattfinden. Aber auch die jetzt möglich erscheinende qualitativ neue Aufarbeitung der Pflege im Nationalsozialismus, die sie im Projektstudium ab Sommersemester 1998 bis zu ihrem
Tod weiterverfolgte, kann sie nicht mehr vollenden.

Am 6. Oktober 1999 fand eine akademische Gedenkfeier für Hilde Steppe in Frankfurt statt.
 

Prof. Dr. Eva-Maria Ulmer
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Studiengang Pflege und Pflegemanagement
Fachhochschule Frankfurt am Main