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Am 23. April 1999 ist Hilde
Steppe nach schwerer Krankheit gestorben.
Sie war für die Pflege in der Bundesrepublik Deutschland eine zentrale
Persönlichkeit. Sie hat durch ihr Handeln und ihre wissenschaftlichen
Publikationen gleichermaßen zukunftsweisende Veränderungen angestoßen,
initiiert und begleitet.
Geboren am 6.10.1947 begann sie 1965 ihre Ausbildung zur
Krankenschwester,
die sie 1968 abschloß. Es folgten Weiterbildungen zur
Fachkrankenschwester
für Intensivpflege und Anästhesie sowie zur Pflegedienstleitung.
Über zehn Jahre war sie in ihrem Beruf in verschiedenen Positionen
tätig, u.a. als Stationsleitung der intensivmedizinischen Abteilung des
Instituts für Anästhesiologie an der Universitätsklinik Tübingen. Aus
diesen, in ihren Erzählungen immer noch lebendigen Berufsjahren bezog
sie bis zu ihrem Lebensende wesentliche Denkanstöße.
Mit dem Jahr 1978 begann eine neue Periode: Hilde Steppe wurde Lehrerin
am
Fortbildungszentrum für Berufe im Gesundheitswesen des
Berufsfortbildungswerks des DGB in Frankfurt, kurze Zeit später Leiterin
des BfW. In diese Zeit fällt der Beginn des Aufbaus des "Archivs zur
Geschichte der Pflege". Sie sammelte Primärquellen, Nachlässe, Fotos,
teils antiquarische, teils aktuelle Bücher, die sich mit der Geschichte
der Pflege, der Geschichte der Frauenbewegung und insbesondere mit der
Aufarbeitung des Nationalsozialismus befaßten. Zusätzlich interviewte
sie Krankenschwestern im Sinne der oral history; diese Interviews sind
ebenfalls im "Archiv zur Geschichte der Pflege" auf Band und/oder
transkribiert aufbewahrt. Mit dieser Arbeit knüpfte sie wieder an die
verschütteten, vergessenen und verdrängten Anteile in der Pflege an,
holte Verfolgte, Vertriebene und Ermordete wieder in unsere Erinnerung
zurück. Mit dieser Sammlung und ihrer Arbeit schuf Hilde Steppe eine
wesentliche Basis für die historisch-kritische Pflegeforschung. Im Jahr
1995 übergab sie diese große, einmalige Sammlung der Fachhochschule
Frankfurt, sie wird dort als "Dokumentationsstelle Pflege"
weitergeführt.
Es war immer ihr Wunsch, nach ihrer Berufung als Professorin mit den
Quellen der Dokumentationsstelle Pflege wissenschaftlich arbeiten zu
können.
Aus dieser Auseinandersetzung mit der Geschichte der Pflege in
Deutschland, aber auch im Ausland, stammen viele internationale
Kontakte. Die Kontakte mit emigrierten Krankenschwestern und die
kritische Aufarbeitung der Rolle der Pflege im Nationalsozialismus
bildeten die Basis für eine Akzeptanz bzw. Wiederakzeptanz der deutschen
Pflege.
Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte schlug sich in der
Herausgabe des Buches "Pflege im Nationalsozialismus" nieder, das
demnächst in der 9. Auflage erscheinen wird.
Ihr Studium der Erziehungswissenschaften mit den Nebenfächern
Geschichte, Psychologie und Sozialwissenschaften beendete sie 1994 mit
dem Diplom. Es schloß sich die Promotion an der Universität Frankfurt
zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland an, die im
Herbst 1997 als Buch unter dem Titel "...den Kranken zum Troste und dem
Judenthum zur Ehre..." veröffentlicht wurde. Im Januar 1998 wurde sie
als Professorin
der Pflegewissenschaft an den FB Pflege und Gesundheit der
Fachhochschule Frankfurt berufen.
Die beiden Bereiche, also ihre eigene begeisterte Berufstätigkeit und
Lehre der Pflege einerseits und die intensive Auseinandersetzung mit der
Geschichte der Pflege als Frauenberuf andererseits, führten, konsequent
weiterentwickelt, zur Erkenntnis, daß Pflege nicht mehr nur eng als
Krankenpflege und damit medizinischer Assistenzberuf gesehen werden
sollte, sondern daß eine Entwicklung zur Pflegewissenschaft, die
Fragestellungen und Probleme aus
der Perspektive der Pflege definiert und bearbeitet, den einzig
konsequenten Weg darstellt.
Diese Einstellung schlug sich in der zum Standardrepertoire gehörenden
Artikelserie über "Pflegemodelle in der Praxis" (erschienen ab 1990)
nieder.
Diese Professionalisierung der Pflege, die sie bereits mit Engagement
aus ihrer Position am BfW betrieben hatte, verstärkte sie von ihrer
neuen Stelle aus – Anfang 1992 wurde sie Referatsleiterin "Pflege im
Gesundheitswesen" im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Jugend,
Familie und Gesundheit in Wiesbaden. Aus dieser neuen Position,
verbunden mit ihren langjährigen Kontakten, betrieb sie mit großer
Energie die Etablierung der Pflege an den Hochschulen.
Sie war der festen Überzeugung, daß nicht nur Pflegepädagogik und
-management an den Hochschulen studiert werden muß, sondern daß
Pflegewissenschaft – also der Inhalt dessen, was andere managen und
unterrichten sollen – an der Hochschule in Kooperation mit dem
Praxisfeld
entwickelt und erforscht werden muß, um endlich dem Dilemma zu entgehen,
daß andere Professionen den Inhalt von Pflege definieren. Bereits zum
Wintersemester 1993/94 wurden die ersten Studierenden im grundständigen
Studiengang Pflege in die hessischen Fachhochschulen aufgenommen. Der
hessische Weg, mit der Einrichtung von drei grundständigen
Studiengängen,
war und ist in der Pflege nicht unumstritten.
Hilde Steppe suchte nie nach angepaßten Lösungen. Im Gegenteil: Offene
Fragen wurden systematisch, selbstkritisch und humorvoll diskutiert, und
erst nach einer genauen Analyse vor dem Hintergrund ihres immensen
Wissens- und Erfahrungsschatzes folgten die oft unkonventionellen
Schlußfolgerungen.
So wird sie uns fehlen, gerade jetzt, wo so viele Neuordnungen im
Gesundheitswesen und in der Pflege stattfinden. Aber auch die jetzt
möglich erscheinende qualitativ neue Aufarbeitung der Pflege im
Nationalsozialismus, die sie im Projektstudium ab Sommersemester 1998
bis zu ihrem
Tod weiterverfolgte, kann sie nicht mehr vollenden. |