http://www.rhein-main.net/sixcms/list.php?page=fnp2_news_article&id=3726678 Frankfurter Neue Presse Bericht von Jürgen Walburg Printausgabe vom 18.05.2007 Keine Ruhe auf dem Friedhof Frankfurt. Der fromme Wunsch steht auf vielen Grabsteinen: „Ruhe in Frieden“. Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bleibt es häufig ein Wunsch. Friedhofsschänder, Randalierer und Diebe verwüsten ganze Grabfelder und zerschlagen wertvolle Skulpturen. Zudem haben aggressive Inline-Skater den Hauptfriedhof als Sportarena entdeckt und verängstigen ältere Besucher mit waghalsigen Kunststückchen. Gewissenlose Diebe nehmen frische Blumen, Gestecke und Schalen mit, stellen sie auf die Gräber der eigenen Angehörigen oder sogar daheim ins Wohnzimmer. „Ich möchte dir heute unsere Lieblingsblumen auf das Grab legen und hoffe, dass sie wenigstens an diesem Tag liegenbleiben!“ Mit diesem Satz hat eine Frau die Zeitungsanzeige zum ersten Todestag ihres Mannes beendet. Hoffentlich haben viele Blumendiebe dieses Inserat gelesen! Dieter Georg und Harald Fester, engagieren sich als Grabpaten für den Frankfurter Hauptfriedhof und seine steinernen Zeugen der Stadtgeschichte. In den vergangenen Jahren haben sie eine umfangreiche Dokumentation des Hauptfriedhofs ins Internet (http://www.frankfurter-hauptfriedhof.de) gestellt. Fester ist Computer-Fachmann und Georg ein hervorragender Fotograf. Die beiden haben nicht nur die Schönheit von Grabstätten wie des Mausoleums der Familie Gans dokumentiert, sondern auch die Zerstörungen an vielen denkmalgeschützten Grabstätten. Die folgenschwersten Verwüstungen der vergangenen Jahre auf dem Frankfurter Hauptfriedhof gab’s in der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 2006. Damals wurde zahlreiche Kreuze umgeworfen, Figuren zerschlagen, Köpfe und Gliedmaßen abgehauen. Trotz intensiver Ermittlungen der Polizei gibt es nach wie vor keinerlei Hinweise auf die Täter. Rolf Schmitz fragt daher: „Müssen jetzt sogar auf Friedhöfen Überwachungskameras aufgestellt werden?“ (wa) ----------------------- http://www.rhein-main.net/sixcms/list.php?page=fnp2_news_article&id=3725900 Printausgabe vom 18.05.2007 ANSICHTSSACHE von Dieter A. Graber Irgendwie ist es symptomatisch für den Zustand unserer Gesellschaft: Da werden Friedhöfe zum Rummelplatz, Denkmale beschädigt und demontiert, Grabstätten schamlos leergeräumt (siehe Bericht). Pietätlosigkeit scheint Mode zu sein. Die Ehrfurcht vor den Toten, die eine Anerkennung sowohl ihrer individuellen als auch ihrer kollektiven Lebensleistung darstellt, gehört zu den Grundzügen einer jeden kultivierten Gesellschaft. Je geringer diese Achtung wird, desto tiefer sinkt das kulturelle Niveau. Die Unantastbarkeit der Totenruhe ist deshalb ein ethischer Wert an sich, nicht nur ein juristischer. Friedhöfe sind Orte historischer und künstlerischer Spuren einer Stadt. Der Frankfurter Hauptfriedhof, 80 Hektar groß und fast 120 Jahre alt, ist mit seinen Mausoleen, seinen alten Buchen, dem klassizistischen Alten Portal und dem jüdischen Teil ein wesentliches Kulturgut. Und deshalb ein besonders schützenswertes. Die Empörung über das kriminelle Treiben dort mag nicht lautstark sein, kommt sie doch vornehmlich von älteren Menschen, für die der Friedhof ein Ort der Trauer und der Erinnerung ist, aber auch ein Platz der Ruhe und Besinnung. Es ist die Wut der Stillen. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Täter uns alle treffen. Sie vergehen sich an dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält – die Ehrung der Verstorbenen. Vor knapp zehn Jahren besuchten ehemaligen Häftlinge des KZ Adlerwerke sowie Angehörige ein Grab auf dem Hauptfriedhof, in dem 528 Zwangsarbeiter ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie weihten einen Gedenkstein ein. 528 von 68 000 Menschen, die hier beigesetzt sind. Ihrer aller Schicksale – und zwar jedes einzelne – sind uns Verpflichtung, den Auswüchsen einer Zeit, in der den Toten zunehmend Respekt verweigert wird von einer geschichtslosen Generation, auf Frankfurts größtem Gottesacker entgegenzuwirken. Wir brauchen Courage und null Toleranz. „Ein guter Mensch gehört auf einen guten Ort“, sagt ein jüdisches Sprichtwort und meint damit: den Friedhof („Gut-Ort“). Ein schlechter Mensch hat dort zu Lebzeiten nichts zu suchen.